Gerhard Reule – Hieronymus liegt im Sterben (Hieronymus im Delirium)

In dieser klirrend kalten Nacht, in dieser Nacht der blitzenden Himmelsfeuer und krachenden Donner, der berstenden Mauern und des Geprassels ihres Einsturzes, der Trompeten von Jericho, der Schreie der Verletzten, der dröhnenden Motoren von Flugzeugen, die in zwei großen Wellen ihre Bomben über die Stadt gelegt haben – die Brände in der Innenstadt und von der Neustadt bis Zschemitz sind weithin sichtbar, und der Sternenhimmel wird von schwarzen Rauchschwaden verdunkelt – legst du dich auf den gefrorenen Boden neben mich, um dich zu wärmen. Dein Atem geht schwer, aus deinem Rachen entweichen Nebelschwaden. Mein Oberschenkel ist von einem Splitter durchbohrt, und das Blut sickert aus der zerrissenen Arterie. Ich werde dich wärmen, solange Wärme in meinem Körper ist. Ich habe keine Angst vor dir. Ich spüre die Wärme deines Körpers. Ist Sarrasani zerstört? Hat man den Zirkus getroffen? Kommst du von dort?

Ich freue mich, dich nach eineinhalbtausend Jahren wieder zu sehen, auch wenn die Umstände todtraurig sind. Weißt du noch, wie wir in der Wüste bei Aleppo das Lager geteilt haben, oder wie wir gemeinsam die Bibel aus dem Hebräischen ins Lateinische übersetzt haben? Ich war damals ein jähzorniger und rechthaberischer Mann, aber du warst fähig, selbstbeherrscht und sanft, und ich habe mich geläutert.

Gewiss, es gibt Menschen, die sagen, dass ihr Tiere nicht mehr wert seid als der Nutzen, den ihr für uns habt, dass ihr für uns da seid, dass wir euch einsperren dürfen, so wie du dieses Leben in Gefangenschaft verbracht hast, dass wir euch verschachern dürfen auf Sklavenmärkten, dass wir euch in KZs halten und zerstückeln dürfen, dass wir mit euch Experimente machen dürfen, wie es uns beliebt, weil wir die Herren der Welt sind. Unserem Größenwahn und unserer Gier wurde heute Nacht eine Grenze gesetzt, von anderen, die genauso größenwahnsinnig und gierig sind wie wir, es aber noch nicht wissen.

„Stell dir vor“, sagst du jetzt zu mir mit deiner tiefen Stimme, die mir so vertraut ist, und nach der ich mich so lange gesehnt habe, „es gäbe eine Zwillingswelt, die unserer fast auf den Grashalm gleicht.“

Es ist wahr, du sprichst vom Gras, aber nicht von den endlosen Steppen Afrikas, die du so schmerzlich vermissen musst. Du sprichst zu mir, dem Übersetzer der Bibel, dem Sprachwissenschaftler, dem intellektuellen Theologen, als hätten wir denselben trockenen Akademikermund, und für einen Augenblick denke ich, dass ich deliriere, weil ich zu viel Blut verliere.

„Lediglich das Wasser hätte eine uns unbekannte chemische Zusammensetzung aus uns unbekannten Elementen eines uns unbekannten Periodensystems“, fährst du grollend fort, als rollten diese gewichtlosen Begriffe schwer wie ein Güterzug über deine Zunge, „derart, dass das dortige Wasser zwar alle Eigenschaften unseres Wassers hätte, aber auch eine Aufrichtigkeitsdroge wäre. Ihr könntet anderen und vor allem euch selbst nichts vormachen. Kopf und Herz wären im Einklang. Dann wäre vielleicht die eine oder andere Sache anders gelaufen als hier. Dann wäre der Weg vielleicht beinahe fertig.“

„…Vielleicht beinahe fertig“, klingt es in meinem Ohr nach.

„So aber haben wir den Riss“, sagst du. „Das Pendel hat nur von der einen zur anderen Seite hin ausgeschlagen. Vom Himmelwärststreben zum Stoffe hin. In dem steckt ihr jetzt fest. Und jetzt ist die Sache so gut wie verloren.“

Du zitterst in der eisigen Nacht. Das Grölen der Übermenschen, des Geschlechts der Riesen, hast du gar nicht einmal erwähnt. „Wer sonst sollte Gott spielen, wenn nicht wir“, rufen sie. Dereinst werden sie wohl die Schöpfung nachmachen. In ihrem Namen oder im Namen eines kompromisslosen Rationalismus müsstet ihr wohl vernichtet werden, um auf diesem überbevölkerten Planeten Platz zu machen. Wenn sich die Welt den Luxus natürlicher Schönheit nicht mehr leisten kann, dann wird sie von Hässlichkeit übermannt und zerstört.

„Lass dir das gesagt sein, alter Freund“, erwidere ich schließlich. „Auch, wenn die Größenwahnsinnigen anders denken, wir sind nicht unser eigenes Werk, und wir werden es auch nie sein. Wir sind auf ewig dazu verdammt, Teil eines Mysteriums zu sein, dem wir weder mit Logik, noch mit Vorstellungskraft auf den Grund kommen werden. Denn je tiefer wir graben, desto mehr biegt sich der Spaten zurück. Eure Präsenz unter uns erzeugt einen Widerhall, für den weder die Wissenschaft, noch die Vernunft eine Erklärung haben, sondern dem man nur mit Ehrfurcht, Verwunderung und Verehrung begegnen kann. Doch allzu viele sind für das Wunder unempfindlich geworden. Du liegst hier frierend neben mir, und wenn ich verblutet bin, wird man dich erschießen, aber das ändert nichts daran, dass du ein Wunder bist.“

„Ich sage dir etwas Befremdliches“, entgegnest du, und wieder keimt in mir der Verdacht, dass ich im Delirium liege. „Der Krieg ist gut. Euer Bewusstsein ist nur ein kleines Licht, das aus der Dunkelheit des kollektiven Unbewussten geboren ist. Die guten und die schlechten Kräfte der Nacht treiben euch an, ohne dass ihr es merkt. Eure Aufgabe wäre es, sich ihrer bewusst zu werden, sie zu prüfen und euch ethisch auf sie zu beziehen. Der Archetyp der Destruktion hat euch erfasst, weil ihr eure Grenzen nicht anerkennen wolltet. Ihr seid ihm verfallen. Ihr wolltet ins Unendliche wachsen. Erfasst von dieser Kraft gingt ihr berauscht in den Untergang.

Stell dir vor“, belehrst du mich weiter, und allmählich beginne ich zu staunen, „eine Gesellschaft sei wie eine Kugel auf einer Ebene, über die ein Strich verläuft. Der Strich scheide gut von böse. Mal rollt die Kugel ein Stück weit auf die eine, dann wieder auf die andere Seite. Das geht seit Jahrhunderten so. Heute ist eure Macht so groß, dass aus der Ebene ein Dach geworden ist. Gestern noch lag die Kugel auf dem First. Ein kleiner Anstoß, und sie rollte die falsche Seite hinunter. Für tausend Jahre sollte sie dort liegen bleiben oder länger. Deshalb kam der Krieg, der aus dem Dach wieder eine Ebene macht.“

„Wenn ich ehrlich bin“, erwidere ich, „dann glaube ich, dass auf Zwillingserde zwar manches anders wäre als hier, nicht aber die Natur des Wassers oder die der Menschen. Deine Topologie von der Ebene, die zum Dach und wieder zur Ebene wird, ist zwar hübsch, dennoch finde ich am Krieg nichts Gutes.“

Und mit einem Mal erwache ich aus dem Delirium, und ich finde mich zwischen brennenden Ruinen auf dem mit Eis überzogenen Kopfsteinpflaster einer Straße wieder. Und mir wird klar, dass du gar nicht sprechen kannst. Und ich erkenne, dass die zukünftigen Generationen nicht aus dem Schneider sind. Aus der Ebene wird wieder ein Dach werden, stolzer, steiler und höher als je zuvor. Auch die zukünftigen Generationen werden sich entscheiden müssen, und mehr wird davon abhängen als jemals zuvor. Denn wohin die Kugel rollt, das wird sich für alle Zeit verfestigen, denn sie kann nicht zurück. Es sei denn, es kommt eine neue große Katastrophe, die aus dem Dach wieder einen Ebene macht.

Das Reden und der Blutverlust haben mich erschöpft. Ich schmiege mich an dich, weil ich genauso friere wie du, und weil ich niemand Besseren habe. Seit fünfeinhalb Jahren schon herrscht Krieg. Wir haben Aschermittwoch, den 14. Februar 1945. Heute Nacht wurde unsere Stadt in Schutt und Asche gelegt, und mit ihr der Zirkus Sarrasani. Zu Tode erschreckt bist du durch die brennenden Ruinen geirrt und zufällig auf mich gestoßen. Du hast dich zu mir gelegt, um dich zu wärmen. Jetzt bist du der Gefährte meiner letzten Stunde. Du bist das Überbleibsel meiner Unschuld. Du bist meine ohnmächtige Wut. Um uns her gibt es nur Tote und Gleichgeschaltete, die ihrem Führer folgten wie die Lemminge. Du, du alter Zirkuslöwe, bist das letzte Individuum.

Nachtrag

Schon der Anfang des Jahres 2018 war in zweierlei Hinsicht bemerkenswert.

Zum einen wurde am 25. Januar bekannt, dass es chinesischen Wissenschaftlern gelungen ist, zwei Javaner Affen zu klonen. Javaner Affen werden besonders gerne in Tierversuchen verwendet, und man möchte dafür identische Affen in Serie herstellen. Von den bisher dreihundert geklonten Tieren haben zwei überlebt. Ich sah ein Foto der beiden Äffchen, die sich aneinanderklammerten, weil sie keine Mutter haben. Gegen die Gewalt, die schon in den Genen stattfindet, können sie sich nicht wehren. Um moralische Bedenken zu zerstreuen, wird von wissenschaftlicher Seite darauf hingewiesen, dass man mit genetisch identischen Affen weniger Tiere verbrauchen müsse als mit unterschiedlichen. Auf Grund bisheriger Erfahrungen ist aber zu erwarten, dass man nur umso leichtfertiger Tiere in den Versuch schicken wird. Mit dem Klonen von Affen ist man übrigens dem Klonen von Menschen einen Schritt nähergekommen.

Zum anderen war der Fasching kurz dieses Jahr. Der Faschingsdienstag fiel auf den 13. Februar, genauso wie im Jahre 1945. An jenem Faschingsdienstag fielen kurz nach 22 h mehrere tausend Sprengbomben auf die Innenstadt Dresdens. Ab zwei Uhr nachts dann 650 000 Stabbrandbomben auf das Zentrum sowie von der Neustadt bis Zschemitz, die selbst Glas und Metall zum Schmelzen brachten. Untertags folgte ein Flächenbombardement. Der Überlieferung nach hat sich in jener Nacht ein verängstigter Löwe aus dem zerstörten Zirkus Sarrasani zu einem Verwundeten gelegt, um sich zu wärmen.

Die beiden wussten noch nicht, dass man in fünf Monaten und vier Tagen in New Mexico eine Atombombe zünden wird, obwohl einige Physiker die Befürchtung äußern werden, dass es zu einer Kettenreaktion der Atmosphäre kommen könnte, die alles Leben auf diesem Planeten vernichten würde. Die Militärs werden es riskieren. Die beiden wussten auch noch nicht, dass es dieselben Bedenken geben wird, wenn die Sowjets Mitte der Fünfzigerjahre eine Wasserstoffbombe von tausend Megatonnen über Nowaja Semlja explodieren lassen. Auch sie werden die Vernichtung der Welt riskieren, und wir werden schon wieder Glück gehabt haben. Ebenfalls unbekannt war den beiden in jener Nacht, dass in unseren Tagen eine Gruppe von Physikern im schweizerischen Kernforschungszentrum CERN versuchen wird, ein schwarzes Loch in der Größe eines Elementarteilchens zu erzeugen. Auch hier wird es wieder warnende Stimmen von anderen Physikern geben, ein schwarzes Loch in dieser Größe könnte zum Erdmittelpunkt hindurchfallen und dort seine Wirkung entfalten. Geschähe dies – so die Berechnungen – dann würde der Planet innerhalb von zwei Tagen auf einen Durchmesser von 2 cm zusammenschrumpfen. Dennoch arbeiten die Wissenschaftler emsig daran, bisher ohne Erfolg, und sie spekulieren darauf, dass das künstlich hergestellte schwarze Loch instabil sein und nur eine extrem kurze Lebensdauer haben wird. Und wir erneut Glück.

Obschon der Löwe und der Verwundete reichlich Erfahrung mit der Menschheit gesammelt hatten, wussten sie all das noch nicht. Ich stelle mir vor, die beiden dachten dennoch über die Natur des Menschen nach. Man möge mir verzeihen, dass ich ihnen meine eigenen Gedanken in den Mund bzw. Rachen gelegt und außerdem die Schoah außen vor gelassen habe. Über die letztere wurde viel geschrieben, über das Leid der Tiere, das fortdauert, nur wenig.

Dennoch wäre diese Betrachtung der menschlichen Natur einseitig und in ihrer Einseitigkeit den Umständen geschuldet. Deshalb möchte ich noch erzählen, dass ebenfalls in diesem Jahr meine blinde Katze Leonie in der Nacht von Ostersonntag auf Ostermontag nicht nach Hause kam. Vermutlich hatte sie den kurzen Weg vom Garten zur Katzenleiter verfehlt, sich verirrt, war in Panik geraten und in ihrer Panik drauflos marschiert. Von morgens drei Uhr bis nachmittags um fünf Uhr habe ich sie gesucht und Suchzettel ausgehängt. Ohne Erfolg. Ich wusste, dass ich die Hilfe mir unbekannter Menschen brauchte, und meinem Naturell entsprechend habe ich deshalb für das Tier gebetet. Auch ein paar andere Menschen haben für Leonie gebetet. Einige habe ich darum gebeten. Die Bitte, für jemanden zu beten, ist intim. Spätnachmittags um fünf Uhr rief mich eine junge Frau an. Sie hatte meine Katze gefunden. Das Tier war mehrere Kilometer stadteinwärts geirrt, bis es apathisch in einer Ecke kauern blieb und sich nicht mehr rührte. Wie der Zufall es wollte, hatte Leonie – blind wie sie war – die sehr befahrene Kreuzung an der Johanneskirche heil überquert. Wie der Zufall es wollte, hatte die junge Frau ihren Vater angerufen, um ihn um Rat zu fragen, und dieser hatte wiederum zufällig meinen Aushang gelesen, der in einer ganz anderen Gegend hing. So konnte sie mich anrufen, und so kam Leonie sowohl durch die Gnade des Himmels als auch durch die Gnade der Menschen wieder zu mir.

Ich erzähle diese Episode, um zu zeigen, dass Menschen auch eine andere Seite haben als die der Destruktion, der Gier und des Größenwahns. Eine schöne Seite. Diese sollen wir pflegen. Dann braucht es keine großen Heldentaten. Ich bin der Meinung, der Mensch ist berufen, die Süße der Welt hervorzubringen. Versagt er, wird er zum Verderber der Welt.

 

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One Response to Gerhard Reule – Hieronymus liegt im Sterben (Hieronymus im Delirium)

  1. Katharina says:

    Danke lieber Gerhard.

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